Görlitz ist eine Stadt, die zweimal existiert: einmal als gelebte Gegenwart an der Neiße, einmal als filmische Vergangenheit auf den Leinwänden der Welt. Wer durch die Altstadt spaziert, läuft auf Schritt und Tritt durch Filmgeschichte – und bemerkt es oft erst beim zweiten Hinsehen.



Görliwood – Eine Stadt spielt sich selbst
Der Spitzname kam nicht von ungefähr. Irgendwann in den frühen 2000er-Jahren, als sich die Produktionsteams häuften und die Kamerakräne über den Gründerzeitfassaden auftauchten, fingen die Görlitzer an, ihre Stadt „Görliwood“ zu nennen. Der Begriff ist halb Witz, halb berechtigter Stolz. Denn was Görlitz den Filmemachern bietet, ist tatsächlich selten: ein nahezu vollständig erhaltenes Stadtbild aus der Kaiserzeit, das den Krieg ohne größere Zerstörungen überstanden hat und in der DDR mangels Mitteln nicht durch Neubau überformt wurde. Was damals ein wirtschaftlicher Nachteil war, ist heute ein Kulturschatz von erheblichem Wert.

Die Stadt liegt im äußersten Osten Deutschlands, unmittelbar an der polnischen Grenze, und war jahrhundertelang ein bedeutendes Handelszentrum. Diese Vergangenheit hat Spuren hinterlassen – in Form von Bürgerhäusern, Kirchen, Kaufmannshöfen und repräsentativen Verwaltungsgebäuden aus mehreren Epochen. Spätgotik, Renaissance, Barock und Jugendstil liegen hier so dicht beieinander, dass ein Stadtrundgang durch mehrere Jahrhunderte Architekturgeschichte gleichzeitig führt. Kein Wunder, dass Regisseure in Görlitz eine Flexibilität finden, die aufwendige Studiobauten kaum ersetzen können.
Görlitz?
Wenn Du noch nie in Görlitz warst, dann helfen Dir Plattformen wie bspw. GETYOURGUIDE dabei einen ersten Überblick der Top Sehenswürdigkeiten der Stadt zu bekommen. Aber schau selbst, ob Dein Wunschziel dabei ist.
ANZEIGE. Ohne geht es leider nicht.
Der Begriff Görliwood ist also mehr als ein marketingfreundliches Werbewort. Er beschreibt eine echte Produktionsrealität: Dutzende nationale und internationale Filmproduktionen wurden hier gedreht – manzählt inzwischen mehr als 100 Filme und Serien – und die Stadt hat sich damit in eine Liga katapultiert, die weit über ihre Einwohnerzahl von knapp 57.000 Menschen hinausweist.
Der Braune Hirsch – Wo Görlitz ins Gespräch kommt
Bevor man sich auf die filmischen Spuren begibt, lohnt sich ein erster Stopp am „Braunen Hirsch“ – einem der ältesten und bekanntesten Gasthäuser der Stadt. Das Lokal am Untermarkt ist irgendwie ein Museum, aber kein touristisches Potemkinsches Dorf, und ein Ort, an dem Görlitzer hin und wieder hineinschauen. Das macht den Unterschied. Hier bekommt man ein Gespür dafür, was die Stadt jenseits der Filmkulisse ist: bürgerlich, ein wenig eigenwillig, mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet.

Der Braune Hirsch hat eine lange Geschichte als Treffpunkt für Kaufleute, Handwerker und Reisende. Die schweren Holzmöbel und das gedämpfte Licht erzählen davon mehr als jede Informationstafel. Wer von der Anreise müde ist, setzt sich in eine nahe gelegenes Gasthaus, trinkt ein lokales Bier (meistens Landskron) und schaut den Leuten zu – das ist eine legitime Form des Reisens.
Gleichzeitig ist der Braune Hirsch ein guter Ausgangspunkt, um sich zu orientieren. Der Untermarkt liegt im Herzen der Altstadt, und von hier aus sind alle wichtigen Filmschauplätze in kurzer Zeit erreichbar. Man braucht kein Taxi, kein Fahrrad, keine App. Man braucht nur gutes Schuhwerk und etwas Zeit.
Die Rathaustreppe – Bühne aus Stein
Wenige Schritte vom Untermarkt entfernt steht das Görlitzer Rathaus, und vor ihm die Rathaustreppe – eine der meistfotografierten Kulissen der Stadt. Die barocke Freitreppe aus dem frühen 18. Jahrhundert ist nicht nur architektonisch bemerkenswert, sie hat sich auch filmisch mehrfach bewährt. Ihre symmetrische Anlage, der dunkle Sandstein und die skulpturalen Details verleihen ihr eine theatrale Qualität, die Kameraleute lieben.

Für den Kulturreisenden ist die Rathaustreppe aber zunächst einmal das, was sie ist: ein Zeugnis städtischen Repräsentationswillens aus einer Zeit, in der Görlitz zu den wohlhabendsten Städten Mitteleuropas zählte. Das Rathaus selbst ist ein Konglomerat verschiedener Bauphasen, und wer genau hinschaut, erkennt gotische Fundamente unter barockem Putz. Städtische Institutionen wachsen eben selten in einem Zug.


Nimm dir hier einen Moment. Die Treppe lädt geradezu dazu ein, sie auf und ab zu gehen, sich umzudrehen, den Platz zu erfassen. An einem ruhigen Vormittag, wenn die Reisegruppen noch nicht eingetroffen sind, liegt eine merkwürdige Stille über dem Untermarkt, die an die Zeit erinnert, bevor der Tourismus zum Taktgeber der Stadtwahrnehmung wurde.
Kaufhaus Görlitz – Das bekannteste Filmmotiv der Stadt
Kein anderes Gebäude in Görlitz ist häufiger verfilmt worden als das ehemalige Warenhaus am Demianiplatz. Das Kaufhaus Görlitz, erbaut zwischen 1912 und 1913 nach Plänen des Architekten Georg Schilling, ist ein Jugendstilbau von außergewöhnlicher Qualität. Die verglaste Kuppelhalle im Inneren, die filigranen Eisenkonstruktionen und der warme Ton des verwendeten Materials machen es zu einem Innenraum, den man nicht so schnell vergisst.

Für Wes Anderson war das Kaufhaus die ideale Vorlage für das Grand Budapest Hotel. Die verschnörkelte Eleganz der Jahrhundertwendeästhetik, die Anderson für seinen Film suchte, fand er hier in konzentrierter Form. Die Dreharbeiten zu „The Grand Budapest Hotel“ im Jahr 2013 haben die internationale Aufmerksamkeit auf Görlitz nachhaltig gesteigert – und das Kaufhaus ist seitdem zu einem Pilgerort für Filmfans aus aller Welt geworden.
Aber auch wer Wes Anderson gegenüber gleichgültig ist, sollte das Gebäude nicht auslassen. Das Kaufhaus Görlitz ist aktuell nicht als Warenhaus in Betrieb – es hat eine wechselhafte Nachnutzungsgeschichte hinter sich – und gerade diese Leerstelle verleiht dem Ort etwas Melancholisches. Ein Gebäude, das für den Konsum entworfen wurde und nun vor allem als Kulisse und Erinnerungsort funktioniert, sagt einiges über den Wandel von Stadtökonomien aus.
Ernst-Thälmann-Straße, Grand Budapest Hotel und die Kunst der filmischen Verwandlung
Görlitz kann gleichzeitig Moskau, Paris, Wien und eine fiktive mitteleuropäische Monarchie sein. Das ist die eigentliche Leistung der Stadt. Die Ernst-Thälmann-Straße etwa – ein Name, der in der DDR Programm war – wurde für Produktionen schon mehrfach in eine sowjetische Kulisse verwandelt. Die breiten Bürgersteige, die Vorkriegsarchitektur und die verhältnismäßig geringen Eingriffe durch Nachkriegsmodernisierungen machen sie zu einem visuellen Allrounder.

„The Grand Budapest Hotel“ von Wes Anderson (2014) ist wohl die prominenteste Görlitz-Produktion überhaupt. Der Film gewann vier Oscars und wurde weltweit gesehen. Was die wenigsten Zuschauer wissen: Die äußeren Aufnahmen des Hotels entstanden nicht in einem Studio, sondern an einem umgebauten Görlitzer Kaufhaus und an weiteren Stadtmotiven. Anderson war von der Dichte der erhaltenen Jugendstil- und Sezessionsarchitektur so beeindruckt, dass er mehrere Wochen in der Stadt verbrachte.
Für den filmhistorisch interessierten Reisenden ist Görlitz auch deshalb spannend, weil die Stadt so viele verschiedene Genres bedient hat. Tarantinos „Inglourious Basterds“ nutzte Görlitzer Motive für die Besatzungszeit in Frankreich. „Die Bücherdiebin“ entführte die Zuschauer ins München der 1930er-Jahre. „Die Vermessung der Welt“ rekonstruierte das frühe 19. Jahrhundert. „In 80 Tagen um die Welt“ schuf europäische Großstadtkulissen. Und „Der Vorleser“ arbeitete mit deutschen Nachkriegsatmosphären. All das in einer einzigen Stadt – das erzählt etwas über die architektonische Vieldeutigkeit von Görlitz.
Goethe! – Wenn Weimar an der Neiße liegt
Der Spielfilm „Goethe!“ (2010) erzählt die Geschichte der jungen Liebe zwischen Goethe und Charlotte Buff, jener Begegnung, die zum „Werther“ wurde. Dass wesentliche Teile dieses Films in Görlitz gedreht wurden, mag überraschen – schließlich spielt die Geschichte in Wetzlar und Weimar. Doch die Görlitzer Kulissen boten das kleinstädtische Bürgermilieu des späten 18. Jahrhunderts, das die Filmausstatter suchten.
ANZEIGE. Ohne geht es leider nicht.
TIPP - Der Nikolaifriedhof
Wer ein Görlitz abseits des Filmrummels sucht, sollte den Nikolaifriedhof aufsuchen. Der Friedhof liegt nördlich der Altstadt, eingebettet in eine Hanglage mit altem Baumbestand, und ist einer der ältesten erhaltenen Stadtfriedhöfe Deutschlands. Grabmäler aus dem 16. bis 19. Jahrhundert stehen hier dicht beieinander, viele von ihnen verwittert, manche restauriert, alle von einer Ruhe umgeben, die im Kontrast zum touristischen Betrieb der Innenstadt steht.
Der Friedhof erzählt Stadtgeschichte auf eine sehr direkte Weise. Die Inschriften auf den Grabsteinen nennen Kaufleute, Handwerker, Geistliche, Bürgermeister – Menschen, die Görlitz in seiner Blütezeit geprägt haben und deren Nachkommen die Stadt längst verlassen haben oder im Zweiten Weltkrieg nach Westen geflohen sind. Es ist ein Ort, der nachdenklich macht, ohne pathetisch zu sein.
Die Drehorte verteilen sich über die gesamte Innenstadt, wobei besonders die ruhigeren Gassen abseits der großen Plätze als Drehorte dienten. Das ist eine gute Erinnerung daran, dass Görlitz nicht nur aus seinen Vorzeigefassaden besteht. Die Seitenstraßen der Altstadt sind oft stiller, weniger restauriert und gerade deshalb ehrlicher. Hier findet sich das Görlitz, das nicht für den Tourismus zurechtgemacht wurde.
Für den Besucher lohnt es sich, dieser Beobachtung nachzugehen und bewusst in die Randbereiche der Altstadt auszuweichen. Der Stadtteil Nikolaivorstadt, die Gassen rund um den Nikolaifriedhof, die Hanglage zum Flussufer hin – das sind Orte, an denen die Stadt eine andere Stimmung entwickelt als auf den Hauptachsen des Fremdenverkehrs.
Praktische Hinweise
Die Anreise nach Görlitz erfolgt am besten mit dem Auto. Von Dresden aus sind es knapp 100 Kilometer auf der A4 in östlicher Richtung, was unter normalen Verhältnissen rund eine Stunde Fahrzeit bedeutet. Von Berlin aus beträgt die Strecke etwa 220 Kilometer, ebenfalls über die A4 via Dresden oder über die A15. Parkmöglichkeiten gibt es am Stadtrand und in einigen Parkhäusern in der Nähe der Innenstadt; die Altstadt selbst ist weitgehend autofrei und zu Fuß am besten zu erschließen.
