Es gibt Landschaften in Europa, die sich tief in einen eingraben – nicht wegen ihrer Lautstärke, sondern wegen ihrer Stille. Die Provence ist eine solche Landschaft. Wer einmal im Frühsommer durch ihre Hochebenen gefahren ist, die Luft durch das geöffnete Autofenster hereingelassen hat und diesen eigentümlichen Duft aus Thymian, trockenem Gras und Lavendel eingeatmet hat, der versteht, warum Menschen immer wieder hierher zurückkehren. Diese Region im Süden Frankreichs erzählt ihre Geschichte nicht mit großen Gesten – sie flüstert sie.



Avignon – Päpste, Brücken und das Gewicht der Geschichte
Avignon ist ein guter Ort, um anzukommen. Nicht weil es laut wäre oder besonders aufdringlich – sondern weil es einen sofort auf die richtige Geschwindigkeit bringt. Am besten parkt man außerhalb der Stadtmauer und geht zu Fuß hinein, durch eines der großen Tore, vorbei an den mächtigen Zinnen, die diese Stadt seit dem 14. Jahrhundert umschließen. Der Palais des Papes erhebt sich dann plötzlich davor, wuchtig und kühl in seiner Stein gewordenen Macht. Für fast sieben Jahrzehnte war Avignon das Zentrum der katholischen Welt, und diese Geschichte ist hier noch körperlich spürbar.

Man sollte sich Zeit im Innenhof des Palastes lassen. Die Führungen sind gut, aber noch besser ist es, einfach eine Weile still zu stehen und die Proportionen dieser Anlage wirken zu lassen. Nachmittags, wenn die Reisegruppen weiterziehen, wird es merklich ruhiger. Dann lässt es sich besser durch die engen Gassen der Altstadt schlendern – man kauft auf dem Markt etwas Käse oder ein Stück trockenen Saucisson und setzt sich an die Rhône.
Die Pont Saint-Bénézet, jene berühmte Brücke, die mitten im Fluss aufhört, ist kein Muss im touristischen Sinne – aber sie ist ein schönes Bild für viele Dinge, die in der Geschichte begonnen und nicht vollendet wurden. Von der anderen Rhôneseite, von Villeneuve-lès-Avignon aus, sieht man die Skyline der Stadt abends im besten Licht. Das ist der Moment, für den es sich lohnt, noch eine Nacht zu bleiben.
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Praktische Hinweise
Anreise: Die Provence ist mit dem Auto sehr gut erreichbar. Wer aus Deutschland anreist, fährt über die Autobahn A7 durch das Rhônetal in Richtung Avignon oder nimmt die Route über die Schweiz und Lyon. Die Fahrzeit beträgt je nach Ausgangsort zwischen acht und zwölf Stunden. Mit dem eigenen Fahrzeug hat man den großen Vorteil, die Region im eigenen Tempo zu erkunden – gerade abseits der bekannten Orte erschließt sich die Provence erst über Nebenstraßen.
Wenn Du über die Schweiz nach Frankreich fährst mach doch einen Zwischenhalt in Luzern oder in Chamonix-Mont-Blanc. In beiden Fällen gibt es eine Naturlandschaft zu sehen, die Du so schnell nicht vergisst. Den Vierwalsstätter See und den Mer de Glace. Den kleinen Umweg wirst Du gern machen.
Marseille – Salz, Lärm und echte Menschen
Marseille ist das genaue Gegenteil von Avignon. Diese Stadt gibt nicht vor, etwas anderes zu sein, als sie ist: rau, lebendig, manchmal überwältigend – und deshalb ehrlicher als viele Destinationen, die weiter nördlich auf Hochglanz poliert wurden. Am besten reist man in den frühen Morgenstunden an, wenn der Vieux-Port noch im Dunst liegt und die Fischer ihre Boote für den Tag vorbereiten.

Die Bouillabaisse, das bekannteste Gericht dieser Stadt, bekommt man in ordentlicher Qualität bereits für wenig Geld – wenn man weiß, wo man nicht essen sollte: nämlich nicht direkt am Hafen, wo die Karte in drei Sprachen vorliegt und die Portionen für Touristen kalkuliert sind. Besser fragt man in der Rue de la Paix d’Alger nach oder kehrt in eines der kleinen Restaurants im Quartier du Panier ein, dem ältesten Viertel der Stadt, das sich über die Hügel nördlich des Hafens erstreckt.
Die Basilika Notre-Dame de la Garde thront über allem und lohnt den Aufstieg. Nicht nur wegen der Aussicht auf die Buchten und das offene Mittelmeer, sondern weil sie für die Marseillais etwas bedeutet, das über Tourismus weit hinausgeht. Die Votivgaben an den Innenwänden – Bilder von Schiffen, Danksagungen von Überlebenden, kleine persönliche Zeugnisse – erzählen eine Geschichte dieser Stadt, die man anderswo nicht findet.
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Schlucht von Verdon – Wo das Wasser den Stein formt
Vom lebhaften Marseille braucht man knapp zwei Stunden, um an einen der stillsten Orte der Provence zu gelangen. Die Gorges du Verdon sind eine Wucht. Der Fluss hat sich hier tief in den hellen Kalkfels eingegraben – an manchen Stellen über 700 Meter tief – und das türkisfarbene Wasser unten schimmert in einem Ton, der sich schwer beschreiben lässt. Die Route des Crêtes sollte man in Ruhe abfahren, an den Aussichtspunkten immer wieder anhalten und sich Zeit lassen. Das hier ist kein Ort, den man abhakt.

Der Lac de Sainte-Croix liegt am Ende der Schlucht wie ein Versprechen. Das Wasser hat eine Farbe, die fast unwirklich wirkt – türkis, ruhig, und zu frühen Morgen- oder Abendstunden nahezu menschenleer. Wer paddeln möchte, kann hier ein kleines Tret- oder Ruderboot mieten und still durch die ersten Meter der Schlucht gleiten, wo der Fels das Licht nach und nach verschluckt.
Wer die Möglichkeit hat, übernachtet in Moustiers-Sainte-Marie, dem kleinen Dorf am Eingang der Schlucht. Es ist nicht unberührt vom Tourismus, aber abends, nach dem Essen, wenn die Tagesgäste abgereist sind, liegt die Stille über den Gassen wie eine zweite Luft.
Fontaine-de-Vaucluse – Die Quelle am Ende des Tales
Fontaine-de-Vaucluse ist ein Ort, zu dem man manchmal hingeführt wird, ohne es geplant zu haben – und der sich dann festsetzt. Das Tal verengt sich auf dem Weg ins Dorf, die Felsen treten näher, und schließlich steht man vor der mächtigsten Quelle Frankreichs: La Fontaine, der Ursprung des Flusses Sorgue, der tief aus dem Felsen hervorquillt und je nach Jahreszeit rauschend oder ruhig durch das grüne Becken fließt.

Das Dorf selbst ist überschaubar. Es gibt einige Läden mit lokalen Produkten – Lavendelseife, Gewürze, handgefärbtes Papier nach einer alten Technik, die hier noch gepflegt wird – und eine Handvoll Restaurants. Wichtig ist es, früh anzukommen, bevor der Tagesbetrieb einsetzt, und den kurzen Weg zur Quelle hinaufzugehen. Im Frühling führt sie so viel Wasser, dass der Klang sie schon von Weitem ankündigt.
Das Dorf ist eng verbunden mit dem Namen des Dichters Francesco Petrarca, der hier im 14. Jahrhundert lebte und schrieb. Es gibt ein kleines Museum zu ihm, das man mit ruhigem Gewissen besuchen kann, wenn man sich für Literatur interessiert – und das man ebenso getrost überspringen darf, wenn man lieber am Wasser sitzt.
Canoë Kayak Vert – Auf der Sorgue durch stilles Grün
Wer die Sorgue wirklich kennenlernen möchte, steigt ins Kanu. Die Verleihstation Canoë Kayak Vert liegt direkt am Fluss in Fontaine-de-Vaucluse und ist eine der ehrlichsten Möglichkeiten, diese Landschaft zu erleben. Keine großen Gruppen, kein Trubel – ein Boot, ein Paddel und einige ruhige Stunden auf einem der klarsten Flüsse Europas.

Die Strecke führt durch eine andere Provence. Man sieht das Ufer von unten, treibt unter Platanen hindurch, hört nur das Wasser und gelegentlich den Ruf einer Wasseramsel. Das Grün hier ist ein besonderes Grün – saftig, kühl, ein wenig unwirklich im Vergleich zur trockenen Garrigue auf den Hochflächen. Die Sorgue ist kein Wildfluss; auch Anfänger finden sich rasch zurecht.
Empfehlenswert ist die Route in Richtung L’Isle-sur-la-Sorgue, von wo ein lokaler Shuttleservice zurück zur Verleihstation fährt. L’Isle-sur-la-Sorgue ist bekannt für seinen Antiquitätenmarkt – wer möchte, kann also nach der Paddeltour noch durch die Läden schlendern und eines jener alten provenzalischen Dinge mitnehmen, die man eigentlich nicht braucht und dann nie mehr hergeben möchte.
Gordes – Der Stein schwebt
Wer die Landschaft auf dem Weg nach Gordes das erste Mal sieht, hält unwillkürlich an. Das Dorf klebt am Fels wie ein Gedanke, der sich nicht loslassen lässt – helle Steinhäuser, gestaffelt den Hang hinauf, das Schloss oben drauf, und darunter das weite Tal des Luberon. Die Fotografen liegen am Straßenrand, und man versteht sie.

Im Inneren des Dorfes ist es eng und manchmal voll, aber die Gassen haben eine eigene Logik, und wer ein wenig bergab läuft, findet schnell Winkel, in denen man allein ist. Das Handwerk hier ist gut: Olivenöl aus der Region, Keramik, Stoffe mit provenzalischen Mustern. Wer etwas kauft, tut es am besten direkt beim Produzenten – viele der Ateliers haben kleine Schilder an den Türen und freuen sich über aufmerksame Besucher.
Gordes ist auch ein guter Ausgangspunkt für Spaziergänge in die umliegenden Trockensteinfelder, wo sogenannte Bories stehen – steinerne Trockenmauerhütten in Form kleiner Kuppeln, die heute noch weitgehend so erhalten sind wie vor Jahrhunderten. Das Village des Bories südlich des Ortes ist ein stiller, lehrreicher Ort, der mehr über das Leben auf diesen Hochflächen erzählt als jede Ausstellung.
Abbaye Notre-Dame de Sénanque – Lavendel und Stille unter freiem Himmel
Wenige Kilometer unterhalb von Gordes liegt die Abbaye de Sénanque in einem kleinen Tal, das im Hochsommer vollständig von Lavendel erfüllt wird. Das Bild der romanischen Abtei vor dem violetten Feld gehört zu den bekanntesten der Provence – und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, besitzt der Ort zu ruhigen Morgen- oder Abendstunden eine echte Kraft.

Die Mönche der Zisterziensergemeinde leben und arbeiten hier noch. Das ist keine Kulisse. Die Abtei verdient einen Besuch mit dem Respekt, der einem lebendigen Ort des Rückzugs gebührt: kein lautes Gespräch im Innenhof, keine kurzen Hosen im Kirchenschiff. Das Kloster lässt Besucher zu, lebt aber nach seinen eigenen Regeln – und das sollte man achten.
Der Lavendelduft im Juli ist real und intensiv: eine Art Konzentrat des provenzalischen Sommers. Doch auch außerhalb der Blütezeit hat diese Abtei etwas Bleibendes. Die Architektur des 12. Jahrhunderts ist schnörkellos, fast streng, und gerade darin liegt ihr Charme. Sie lenkt nicht ab. Sie lässt einen ankommen.
Le Sentier des Ocres – Die Erde leuchtet
In Roussillon, einem kleinen Dorf auf einer Anhöhe des Luberon, öffnet sich ein Naturphänomen, das man so nirgendwo sonst findet. Le Sentier des Ocres ist ein ausgeschilderter Wanderweg durch Formationen aus rotem, orangefarbenem und gelbem Ocker – Erosionslandschaften in Farben, die einem zu lebhaft erscheinen für etwas, das niemand gemalt hat.

Der Weg ist nicht lang – je nach Route zwischen dreißig Minuten und einer knappen Stunde –, aber er verlangt volle Aufmerksamkeit. Die Farben ändern sich mit dem Licht, und morgens, wenn die Sonne noch schräg steht, ist das Spektrum am reichsten. Feste Schuhe sind ebenso empfehlenswert wie helle Kleidung, die man abends nicht mehr braucht – der Ocker färbt ab, und das ist kein Schaden, sondern ein Andenken.
Roussillon selbst ist ein Dorf, dessen Häuser in eben diesen Okertönen gestrichen sind, sodass die Grenze zwischen Natur und Architektur fließend wirkt. Der kleine Markt am Dienstag- und Donnerstagvormittag ist lokal und gut; die Bäckerei in der Hauptgasse macht eine Fougasse mit Oliven, die das Warten lohnt.
Valensole – Das Blau, das violett ist
Wer im Juli durch das Plateau de Valensole fährt, versteht, warum manche Menschen nach Jahren noch davon reden. Die Lavendelfelder erstrecken sich hier in Reihen, so weit man sehen kann, unterbrochen nur von Mandelbäumen und den gelegentlichen weißen Gehöften der Bauern. Die Luft riecht anders hier oben – schwerer, süßer, an windstillen Nachmittagen fast betäubend.
Das Dorf Valensole selbst ist bescheiden und entspannt. Es gibt keinen Eventcharakter, keine thematisierten Lavendelerlebnisse für Busgruppen. Wer Lavendelprodukte kaufen möchte, tut das am besten direkt an den kleinen Hofständen der Bauern, die ihre ätherischen Öle, getrockneten Blüten und Honigprodukte selbst anbieten. Das ist eine andere Qualität – und eine andere Begegnung – als der Kauf im Touristenshop.
Der frühe Morgen ist die beste Tageszeit hier: Der Tau liegt noch auf den Pflanzen, die Bienen sind bereits bei der Arbeit, das Licht ist weich und flächig, und man hat die Felder oft nahezu für sich. Der Mittag gehört dann den Hitzeliebenden und dem Fernglas.
Monaco – Klein, dicht und von einer anderen Welt
Monaco ist der Kontrapunkt zu allem, was die Provence sonst ist. Es ist kein typisches provenzalisches Ziel – und genau das macht es interessant, wenn man es als bewusste Reibung in die Reise einfügt. Der Kleinstaat an der Küste ist dicht, glänzend, teuer und auf eine eigentümliche Weise faszinierend, sobald man ihn nicht als Traumziel, sondern als Kuriosität betrachtet.

Die alten Stadtteile rund um den Rocher, den Felshügel mit dem Fürstenpalast, sind angenehmer als die Spielcasinoviertel weiter unten. Hier gibt es Gassen aus dem Mittelalter, ein ozeanografisches Museum mit einer der ältesten Sammlungen Europas und einen Blick auf das Meer, der sich deutlich von jenem der Touristencafés unterscheidet. Die Kathedrale, in der Grace Kelly begraben liegt, ist schlicht und ruhig.
Wer mit dem Auto reist, parkt am besten außerhalb – die Küstenstraße von Menton oder Èze kommend bietet Aussichten, die man nicht mit dem Steuer in der Hand genießen sollte. Monaco ist ein Halbtagesausflug, kein Übernachtungsziel – und das ist keine Einschränkung, sondern eine Befreiung.
Persönlicher Tipp: Im Sommer in Fontaine-de-Vaucluse übernachten
Wer im Juli oder August durch die Provence reist, kennt die Hitze. Die Hochflächen glühen nachmittags, der Asphalt flimmert, und selbst die Zikaden scheinen sich irgendwann zurückzuziehen. Umso mehr schätzt man Orte, die von Natur aus kühler sind.

Fontaine-de-Vaucluse ist so ein Ort. Die Sorgue, die hier aus dem Fels quillt, hält die Temperatur im Tal merklich niedriger als das Umland. Das Wasser ist das ganze Jahr über gleichbleibend kalt – um die dreizehn Grad – und wer abends am Ufer sitzt oder morgens durch das klare, grün schimmernde Becken der Quelle schaut, begreift Kühle als Luxus.
Eine Übernachtung hier lohnt sich. Die kleinen Pensionen und Gästehäuser im Dorf und in der unmittelbaren Umgebung sind bescheiden und angenehm – kein Fünf-Sterne-Pool, aber ein Fenster zur Sorgue. Das bedeutet: nachts Schlaf ohne Ventilator, tagsüber die Möglichkeit, die Füße ins Wasser zu hängen. Fontaine-de-Vaucluse ist ein stiller Ort, der am frühen Morgen und am späten Abend ganz er selbst ist. Ohne Tagesbesucher, ohne Busgruppen, nur das Wasser und der Fels und die Luft, die nach Platanen riecht.
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